Maikäfer! Ein besonderer Gast im Gewächshaus

Seit Anfang März führt mich mehrmals täglich mein Weg ins Gewächshaus (bitte entschuldigt, ich bin mit meinen Gewächshausbeiträgen noch nicht up to date…), um dort nach dem Rechten zu sehen. Eine Aufgabe ist: Immer wieder Nachbars Honigbienen, Falter, Schwebfliegen oder Käfer einzufangen und aus dem Gewächshaus zu entlassen. Leider ist das Gewächshaus in gewisser Weise eine Insektenfalle. Selbst bei offener Türe und geöffneten Fenstern scheint es für die Sechsbeiner nicht so einfach zu sein, da wieder herauszufinden. Man sollte meinen, die Folie ist blickdicht genug, dass sie als Wand wahrgenommen wird, was aber ganz offensichtlich nicht der Fall ist.

Aus Biologinnensicht ist es aber auch immer wieder spannend.

Schaut mal, welch besonderen Gast ich letzte Woche dort entdeckte 🙂

Verirrt im Gewächshaus. Da geht´s nicht raus!

„Hui! Ich glaub, ich spinn!…“ war mein erster Gedanke, und weil ich´s irgendwie nicht ganz glauben konnte, raste das Bild dieses Tieres in irrer Geschwindigkeit sämtliche Nervenbahnen in meinem Kopf entlang, auf der Suche nach dem Fehler, nach der richtigen Schublade, wo das Bild vielleicht noch reinpassen könnte, völlig ungläubig dessen, wen ich da vor mir sah… wie eine Bibliothekarin, die mit einem Notizzettel in der Hand die riesigen Bücherregalreihen in ihrer Bibliothek entlang rennt, auf der Suche nach dem einen Buch, das ihr die richtige Antwort verrät… Das kann doch nicht sein, oder?

Als das endgültige Ergebnis des Abgleichs jeden Zweifels erhaben mehrmals bestätigt wurde, löste sich die gefühlt sekundenlange Erstarrung: „Ich glaub, ich spinn! Ein MAIKÄFER!!“

Was für ein schönes Tier! Mit wohlklingendem Namen: Melolontha. Hier der Feldmaikäfer, Melolontha melolontha. Während ich ihn so betrachte, fallen mir lauter Geschichten und Kinderlieder ein, mit dem Maikäfer als Hauptrolle. Ja, es war einmal, im wahrsten Sinne…

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Maikäfer gesehen habe, das ist Jaaaahre her…! Kaum zu glauben, dass sie mal als Plage galten. Die erwachsenen Tiere fressen nämlich Laub, gerne von Eichen, und in Maikäferjahren traten sie in solchen Massen auf, dass sie ganze Waldteile kahl fressen konnten. Obwohl sie als Käfer nur wenige Wochen leben. Als Jungtiere (Käferlarve bzw. Engerling) leben sie in lockerer Erde und ernähren sich von Wurzeln, auch von Waldbäumen. Hui, wenn das mein Mann, der Baumliebhaber, erfährt…

In meinem schlauen Insekten-Taschenlexikon* lese ich außerdem, dass beliebte Eiablageplätze – zumindest in Experimenten – Stellen mit Löwenzahnbewuchs sind. Dabei gräbt sich das Weibchen bis zu 60 cm in die Erde – ganz schön enorm! Auf meine Körpergröße umgerechnet entsprächen das ca. 35 m! Die Engerlinge fressen Mulm und Wurzeln, erst feinere, später auch größere…

Ich summiere mal:
Laub von Eichen
lockere Erde, Mulm
Löwenzahnbewuchs
Baumwurzeln
-> alles bei uns im Garten vorhanden! Vielleicht lebte dieser Maikäfer schon seit ein paar Jahren bei uns, ohne dass wir das mitbekommen haben? Und hat sich nun als ausgewachsener Käfer aus der Erde im Gewächshaus gegraben?

Übrigens ist es eine Maikäferdame, zu erkennen an den Fühlern (einen guten Vergleich zwischen Maikäfermann und Maikäferfrau findet ihr z. B. auf wikipedia).

Als sie in der Sonne saß, reckte und streckte sie sich, als würde sie Kopf und Fühler in den Wind recken. Im Taschenlexikon* heisst es, Maikäfer orientieren sich im Nahbereich mit dem Geruchssinn, ansonsten über den „Himmelskompass“ (polarisiertes Licht) sowie über elektrische und magnetische Felder. Wow. Vielleicht hat sie sich tatsächlich neu orientiert, nach der Verirrung im Gewächshaus neu „eingenordet“?

Natürlich musste ich vor der Rettungsaktion erst die Kamera holen. Und bevor die Maikäferdame wegfliegen durfte, musste ich sie natürlich unbedingt meinem Mann zeigen! Zusammen sahen wir zu, wie sie Kopf und Fühler in die Luft reckte als würde sie ihre Nase in den Wind stecken, wie sie ihre Deckflügel hob, ihre Hinterflügel auseinanderfaltete und – brumm! – sich wie ein Jumbojet in die Luft erhob und davonflog, wie nur ein dicker Käfer davonfliegen kann!

Begleitet wurde sie von meiner Hoffnung, dass sie nicht gleich von der nächsten Elster als Leckerbissen aus der Luft gefangen wird… und – Eichenlaub und Wurzeln hin oder her – sie vielen weiteren Maikäfern das Leben schenkt! Nicht, dass man Maikäfer tatsächlich nur noch in Geschichten trifft…

Käfer haben – wie die meisten Insekten – zwei Paar Flügel. Charakteristisch bei Käfern ist: Die vorderen Flügel (Deckflügel = Elytren) sind hart und stabil, sie sind sklerotisiert (Ausnahme Weichkäfer, der Name ist hier Programm.). Die harten Deckflügel verleihen den Käfern das „panzerartige“. Geflogen wird mit den Hinterflügeln, die unter den Deckflügeln vielfach zusammengefaltet und gut geschützt verborgen werden.
Hier gut zu erkennen: Das Anheben der Deckflügel. Darunter zu erahnen: Die häutigen Hinterflügel.

 

Flieg, Maikäfer, flieg!

 

 


* Taschenlexikon: Klaus Honomichl (überarbeitete Ausgabe, 1998), begründet von Werner Jacobs und Maximilian Renner: Biologie und Ökologie der Insekten. 3. Aufl, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart.

 

11 Kommentare

  1. Oh, wie schön!
    Ich hab in meinem ganzen fast 55jährigen Leben noch nie einen Maikäfer gesehen, aber immerhin gabs früher bei uns im Rheinland alle paar Jahre Junikäfer-Schwärme zu bewundern.
    Hab ich hier im Norden aber auch noch nie gesehen.
    Ich wünsche der dame viel Glück bei der Vermehrung 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Oh, echt? Da weiß ich mein Glück gleich noch mehr zu schätzen! Die Junikäfer sind auch toll! Ist ja spannend, dass sie im Norden nicht auftauchen. Vielleicht fehlt ihr Habitat?

      Liken

      • In unserem Garten könnte ich Deine Checkliste auch vollständig abhaken… daran liegts also wohl zumindest beim Maikäfer nicht. Beim Junikäfer habe ich noch nicht nachgeguckt, was der so braucht. Aber meine Rheinland-Zeiten sind auch 30 Jahre her – vielleicht gabs damals auch hier noch Junikäferschwärme!?

        Gefällt 1 Person

      • Ja, kann gut sein… Man hat die Tiere früher auch intensiv mit Pestiziden bekämpft. Nein, es liegt sicher nicht nur daran, ob alles von der Checkliste vorhanden ist, meine Checkliste ist auch nur halb ernst zu nehmen. Es geht ums Habitat insgesamt, und da hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles nicht zum Guten verändert. Die aktuell betriebene Fortwirtschaft nennt sich zwar nachhaltig, aber das bezieht sich nicht auf die Artenvielfalt, sondern hat einen wirtschaftlichen Hintergrund. Man holt etwa soviel raus was nachwächst. Das bezieht sich aber rein auf Festmeter, nicht darauf, dass alte Bäume nicht einfach durch einen Schwung Nachpflanzungen und Jungwuchs zu ersetzen sind.
        Alte Bäume verschwinden, es gibt kaum noch welche, die älter als 200 Jahre, geschweige denn mehrere hundert Jahre alt sind. Dann Bodenverdichtung durch schweres Gerät, zu viele Wege (etwa 1/4 der Waldflächen sind Wege), zu wenig Totholz, zu viel Entnahme. Vielerorts wird mit der sprichwörtlichen „Axt im Walde“ abgehaust wie auf nem Schlachtfeld. Die alten Waldstadien gibt es so gut wie nirgends mehr. Das nennt sich dann Durchforstung und Verjüngung des Waldes – aber es braucht alten Wald für Artenvielfalt.
        Wir beobachten die Wälder hier in unserer Gegend schon seit ein paar Jahren. Ziemlich übel, wie wir mit Wald umgehen… Nachhaltig ist da kaum etwas.

        Liken

  2. Oh wie schön! Und so tolle Bilder dazu. Wirklich ein wunderbarer Fund. Dann begegnen sie dir zukünftig bestimmt noch öfter im Garten. Ich muß sagen, daß ich die letzten Jahre durchaus Maikäfer gesehen habe. Zwei sah ich hier im Stadtwald, kürzlich einen davon, der sehr lädiert aussah. Hin und wieder mal einen Junikäfer am Balkon. Ich las mal dazu, daß in früheren Jahren / Jahrhunderten viele Menschen vom Sammeln der Käfer lebten. Ich weiß nicht mehr, ob die auch gegessen wurden? Ich glaube fast, in einer Suppe. Viel zu schade, so hübsch, wie sie sind. Maikäfer flieg lieber weg 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Hui! Käfersuppe! Brrr. Nun, wenn die Tiere früher in großen Massen auftraten, hatte man bestimmt ein anderes Verhältnis zu ihnen, als wenn man nur einzelne Tiere alle paar Jahre mal sieht.
      Schau an, dann gibt es bei euch einzelne Tiere!
      hihi! Ja, in 4-5 Jahren oder so kämen ihre Nachkommen aus der Erde 😉

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.