Geteert und ordentlich

Bürgerversammlung im Wirtshaus.
Jeder, der den Saal betritt, grüßt nickend in die Runde, sucht sich einen Platz. Etwa die Hälfte der Dorfbewohner kenne ich mittlerweile, einen Teil hab ich noch nie gesehen. Lauter nette Leute. Alle mit eigenen Ideen und Vorstellungen, die sich naturgemäß nicht immer decken.ic

Doch eines eint sie: ihre Liebe für Asphalt und Beton und „ordentlich mähen“.

„Der Weg in Wald nauf, der muß mal gmacht werdn.“ Gemeint ist: breiter, noch befestigter und am liebsten geteert. Oder zumindest gepflastert. Jedenfalls breiter und ordentlich. „Ja, des gleiche gilt aber auch für den Weg die Gass´ runter und über´s Feld zum Nachbarort“, meldet sich der nächste zu Wort. Zustimmendes Gemurmel überall. Wenn Gelder fehlen: kein Problem, dann springt die Jagdgenossenschaft ein. Zumindest für die Wege „nauf zum Wald“ und „in den Wald nei“, da sei starkes Interesse da.

Die Trittwegerich-Pflanzengesellschaft (so heißt die Gruppe an Pflanzen, die auf Schotterwegen wachsen) hat es schwer, denn Bewuchs auf dem Mittelstreifen von Feld- und Waldwegen ist unerwünscht.
So wär´s vielen lieber.

Ja, und die Wassergräben, die müssen alle unbedingt verrohrt werden. Genauso wie der Bach. Denn der is gfährlich, wenn´s regnet. Was ich komischerweise noch nie bemerkt hab, obwohl ich täglich bis zu vier Mal und bei jedem Wetter daran vorbeilaufe, wenn ich mit unserem Wolf spazieren gehe.

In der Schule habe ich mal gelernt, dass der Mensch aus seinen Fehlern lernt und in der Lage ist, stets neue Lösungen für Probleme zu finden.

Im Leben habe ich dagegen gelernt, dass das nicht stimmt.
Die Erkenntnisse über die Ursachen der schlimmen Hochwasserereignisse im letzten Jahr sind nicht in unserem Dorf angekommen. Über die Probleme der zunehmenden Flächenversiegelung wird hinweg gelächelt: „das bisserl da“. Und die Berichte über das immense Insektensterben, die seit einem halben Jahr gehäuft in den Medien erscheinen, hat wohl auch niemand gesehen. Oder zumindest sieht niemand einen Zusammenhang zu unserem Leben hier im Ort. Ganz nach dem Motto: Was im Fernsehen gezeigt wird, findet immer irgendwo anders statt. Der Name unseres Ortes ist schließlich in keinem dieser Beiträge gefallen…

Das mehrmalige Nachfragen des Bürgermeistes ergab, dass die Bürgerinnen und Bürger des Dorfs sonst keine Probleme haben. Außer die Straßen halt, die eigentlich Feld- und Waldwege sind. Und der Bach und die Wassergräben rund um den Ort.

Wie einfach doch alles ist: teeren, ordentliche Kanten, und der Bürger ist glücklich.

Ich sehe die bunt blühenden Wegränder vor mir, die dem Ganzen zum Opfer fallen werden. Den knall-lila Blutweiderich, das Mädesüß, die Wilden Karden, die Disteln und den Baldrian, die die Wassergräben säumen; das Summen der Hummeln, die durch die Luft schaukelnden Schmetterlinge; die Kröten und Grasfrösche, die dort sitzen. Die Grünfinken, Spatzen und papageibunten Distelfinken, die im Spätsommer und Herbst an den hochgewachsenen Stauden hängen und laut zwitschernd die Samen picken.
All dieses quirlige Durcheinander an Leben.

Leben im Entwässerungsgraben: vier verschiedene Fliegenarten auf einen Streich. Auch, wenn Fliegen ganz schön nerven können, sie sind eine sehr wichtige Tiergruppe in sämtlichen Landökosystemen.
noch einmal vier auf einen Streich, dieses Mal andere Arten. Die Unschärfe der Fotos ist dem unruhigen Fliegengeschwirr geschuldet. Da hieß es schnell abdrücken, um sie zu erwischen!

 

Aber das ist natürlich nicht so übersichtlich, überschaubar und kontrollierbar wie ein ordentlich geteerter Weg mit „graden Randstreifen“, ein in Rohre verlegter Bach und „ordentlich ausgebaggerte Wassergräben“.
Das gebe ich zu.

In Gedanken versunken und mit leise pochendem Herzschmerz gehe ich heim, in unsere kleine private „Wildnis“. Unser Gartentor schließe ich fest hinter mir zu.
Vielleicht ein bisschen fester als sonst…

 


Im Zusammengang mit dem Insektensterben ist viel von der Landwirtschaft die Rede. Doch jeder von uns kann etwas gegen das Insektensterben tun. Ein paar Tipps, übersichtlich und knapp hat der BUND – FRIENDS OF THE EARTH GERMANY auf seiner Internetseite zusammengestellt.

Außerdem sind wir alle Konsumenten. Über das, was wir einkaufen, entscheiden wir mit, was passiert. Beispiel Lebensmittel: Werden bei ihrer Erzeugung viele Pestizide eingesetzt, oder weniger bis möglichst keine?

Auch Gartenbesitzer treffen Entscheidungen. In Deutschland werden pro Jahr über 500 Tonnen Pestizide allein in privaten Gärten ausgebracht! Und selbst, wenn es nur die Hälfte ist, bleibt es der helle Wahnsinn…
(Angabe des BUND Naturschutz in Bayern e. V.)

Weitere Unkraut- und Wildpflanzenideen findest du hier und da. Und Balkonbesitzern empfehle ich den Blog naturaufdembalkon.

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11 Kommentare

  1. Liebe Sabine, vielen Dank fürs Verlinken. Ach ja, noch so ein „reizendes Thema“ (im doppelten Sinne), welches du schön beschrieben hast. Was für manche Menschen Natur ist, ist für uns ein Graus. Was ordentlich aussehen muß, koste es, was es wolle. Da bleibt wohl nur Aufklärung, die an manchen leider völlig vorbeigeht. Verdammt schade eigentlich !!!!!!!!!! Wenn man deine lebendige Beschreibung liest, wie es noch aussieht mit all dem blühenden Leben, könnte man Tränen in die Augen bekommen. Gab es denn gar keine anderen Vertreter ?? Ein bißchen erstaunt es mich schon, daß sich die Erkenntnisse aus früheren Jahrzehnten, als alle Bachläufe und Gräben betoniert wurden, nicht durchgesetzt haben ! Vieles von dem wird ja heute rückgängig gemacht und renaturiert. Ich hatte gehofft, daß das inzwischen alle erreicht hätte. Es ist wirklich zum Heulen !!! Und wehe es rührt einer meinen geliebten Blutweiderich an, meine Lieblingspflanze ! (meiner ist so gut wie abgeblüht, schnüff).
    Kürzlich sah ich übrigens einen Bericht aus dem Bayerischen Fernsehen. Es ging um Flächenversiegelung. Sie hatten eine Zahl nur für Bayern genannt, aber ich habs vergessen. Es war aber aberwitzig. Noch so ein Graus….Hier ein Link zu einer Vergleichsstudie 2000 zu 2015 https://www.lfu.bayern.de/umweltkommunal/flaechenmanagement/versiegelung/index.htm Aber wem sag ich das ! Danke für diesen wichtigen Beitrag !!!!

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    • Danke für deinen Link!
      Ich sag ja: Aus Fehlern lernt der Mensch nicht unbedingt… zumindest dann nicht, wenn er den Fehler nicht am eigenen Leib erfahren hat.
      Noch blüht der Blutweiderich 🙂 zum Glück dauert es ja immer n bißchen, bis die Umsetzung erfolgt. Vielleicht schläft ja auch alles wieder ein… da wäre dann die Trägheit des Menschen wieder von Vorteil 😉

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  2. Bravo! Alles muss sauber und tot sein. Leider denken noch viele so. Das sieht man auch an den toten Gärten, die viele vor´m Haus haben. Ich habe dieses Jahr sehr bewusst gemäht, d.h. viele Stellen erst ganz spät und erfreue mich dieses Jahr einer Unmenge von schönsten Schmetterlingen und teilweise Arten, die ich noch nie im Garten hatte. Aber dafür muss das sogenannte Unkraut, was meist auch noch Heilkraeuter sind, die wir gar nicht mehr kennen, auch blühen. Vielleicht versteht´s doch mal der eine oder andere?

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  3. Jaja, kontrollierbar wird der Bach wenn man ihn so bearbeitet. Und sicher. Schützt ganz toll vor Hochwasser, das sieht man ja regelmäßig. Weil eben alles so viel schneller abfließt. Das sieht man doch!
    Und Insekten, die braucht kein Mensch. Die sind nur lästig und unschön. Unser Essen bestäuben tut ausschließlich die Honigbiene, und die wird von den Imkern kultiviert. Die züchten die eh nach, auch wenn mal ein paar sterben. Wo liegt das Problem?
    Was maßen wir uns an, dass wir da dreinreden? Die Menschen wollen es nur gemütlich haben. Ist doch nix dabei. Wir sollten uns nicht so anstellen 😉

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      • Ich mag Sarkmasmus 🙂 aber das sind tatsächlich Aussagen, die mir gesagt wurden. Völlig ernst, die Leute glauben das! Haben hier sicher eh schon einige solche „Diskussionen“ geführt wie ich :/ wenn ich dann versuche aufzuklären, Beispiele zeige warum das eben nicht stimmt, dann wird kurz ein bisschen gestaunt und morgen ist alles wieder beim Alten. Geht das noch wem so?
        Meine Nachbarn haben sich Anfang Juni bei der Gemeinde beschwert, weil wir unsere Wiese (eingetragen als landwirtschaftliches Grünland) nicht gemäht haben. Das war denen zu unschön, sah wild und ungepflegt aus! Zu der Zeit hatte noch keiner der umliegenden Bauern seine Nutzwiesen gemäht. Da sind gerade zwei Kitze groß geworden. Und die Wiese soll ja so ökologisch wertvoll wie möglich werden.
        Tja, jetzt knallen wir ihnen eine tolle heimische Mischhecke vor ihren Zaun. Dann können sie leider nicht mehr samt Besuch davor stehen und abfällig über meine tolle Wiese lästern 🙂

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      • Ohja, das kenne ich sehr, sehr gut! Keine Ahnung, ich versteh´s auch nicht. Scheint echt schwierig zu verstehen zu sein…
        Die haben sich beschwert, weil ihr eure Wiese nicht gemäht habt? Oh mann, was sowas angeht, haben wir echt Glück mit unseren Nachbarn.
        hihi! Find ich super, mit der Hecke! Das Gesicht eurer Nachbarn würd ich gerne sehen 😉

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      • Hihi, ja deren Gesichter würden mich auch erfreuen 🙂 naja, zum Glück können sie uns ja nichts vorschreiben.
        Und die meisten unserer Nachbarn sind wirklich toll, zB als ich bei unserer Einfahrt so Steingarten-ähnliche Beete gemacht hab, da kamen einige extra her um mir zu sagen, wie schön sie das finden. Also, ich kann mich nicht nur beschweren 😀

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