Winterschlaf im Kräuterbeet

Was war das für ein herrlich warmer Frühlingstag! Völlig übermütig kramte ich Schubkarre und Gartenscheren aus dem Schuppen und machte mich über das Kräuterbeet her. Jetzt soll dort der Frühling einkehren! Dem Salbei zwickte ich die erfrorenen Zweige ab. Ein kleiner Thymian hat den Frost leider nicht überlebt. Die abgestorbenen Stängel der Minzen, des Dosts und der Kronwicke wanderten jetzt – schnippschnapp ab – auf den Kompost.

Das Kräuterbeet sieht so unscheinbar aus und nach den langen Herbst- und Wintermonaten etwas zerdätscht und zerwurschtelt: vom Wind verblasenes Laub, vom Schnee niedergedrückte Stängel sowie Moos, das die feuchten Herbstmonate nutzte, kräftig zu wuchern. Und doch verbirgt sich dort, eben weil ich das Beet die letzten Monate in Ruhe ließ und keine „Ordnung“ im menschlichen Sinne machte, eine kleine Überraschung…

Während der feuchten Herbstmonate hat sich schön Moos ausgebreitet. Darunter spitzen, gut geschützt, junge Triebe aus der Erde. Wie ich warten sie nur auf die warmen Tage! An einer Stelle unter dem Moos, wölbte sich ein kleiner Hügel. Wie dieser kleine Grabowsky* es nur schafft, sich mit seinen kleinen rosa Schaufeln und seiner kleinen rosa Nase durch den gefrorenen Boden zu wühlen! Dachte ich noch so bei mir, und dann plötzlich – HUAH! – der Maulwurfshügel atmet und ist stachelig! Der nächste Gedanke: Wie cool ist das denn! Déja vue**, ein Igel :-)! Überwintert doch glatt im Kräuterbeet, keine fünf Meter von unserer Haustüre entfernt!

Kleine „Wegbeschreibung“: Links im Bild steht der vom Frost etwas mitgenommene Salbei. Nimm den Zweig mit seinen Blättern, der ganz rechts ist, und direkt daneben ist so ein nach Häufchen aussehendes Gewurschtel aus alten Pfefferminzstängeln von letztem Jahr – da drunter winterschläft friedlich das Igelchen.

Ich glaub´s ja nicht! Und fühle mich geehrt. Wie sicher muss sich der Igel fühlen, dass er sich dort zurückzieht, wo wir so viel herumkruschteln und Holzarbeitenlärm machen und wo so viel Hin und Her stattfindet wie sonst nirgends auf unserem Grundstück. Und das nur von einer dünnen Moosschicht bedeckt. Wow, bei den Minusgraden hat er hier überlebt, während wir uns schlotternd vor den Ofen verkriechen. Ehrfürchtig deckte ich den kleinen Überlebenskünstler wieder zu, und hoffe nun, dass ich ihn nicht zu sehr gestört habe, und er es gut in den Frühling schafft…

Da sieht man sein Stachelkleid! Der Igel schnaufte tief und gleichmäßig, hoffentlich hab ich ihn nicht zu sehr gestört… schnell wieder zudecken und vorsichtig wegtreten… Das Kräuterbeet bleibt natürlich bis auf weiteres unangetastet. Winterschlaf schön weiter!

Wiedermal war es einfach das Nichts tun, das Sein lassen; der höheren Lebensordnung der Natur den Vorrang geben vor der optischen Ordnung. Und schon entsteht Raum zum Leben – Lebensraum.

Kleiner Exkurs
Winterschlaf – mehr als nur ein sehr tiefer Schlaf

Winterschlaf ist nicht einfach nur ein sehr tiefer und sehr langer Schlaf, wie der Begriff „Schlaf“ vermuten lassen könnte. Fällt ein Tier in den Winterschlaf, fährt der Körper quasi in den Standby-Modus. Beim Igel sieht das so aus:

  • Absenkung der Körpertemperatur von ca. 34°C (normale Körpertemperatur des Igels) auf 0,2 bis 5°C. Der Körper erstarrt.
  • Reduktion des Energieumsatzes auf ein Hundertstel des Energieumsatzes im Sommer.
  • Als Folge dessen: Reduktion der Atmung; der Sauerstoffbedarf ist in dem Zustand nicht sehr hoch. Eine Messung bei Igeln ergab: etwa 1 h (!) lang kein einziger Atemzug, dann eine Atemperiode von weniger als 5 min, dann wieder eine fast einstündige Atempause usw.
  • Reduktion des Herzschlags: von etwa 150 Schlägen pro min (Wachzustand Igel) auf zwei Schläge pro min. Während des Winterschlafs schlägt das kleine Igelherz also nur alle 30 sec!
  • Um nicht zu erfrieren, muss der Körper trotz all dieser Reduktionen die Körpertemperatur regeln. Denn fällt diese unter einen bestimmten Wert, erfriert das Tier. Diese Heizenergie stammt aus dem Fettvorrat, den sich die Tiere vor Eintritt in den Winterschlaf angefressen haben müssen.

Mit das spannendste finde ich: Trotz Winterschlaf muss das Tier auch normal schlafen! Da der Körper das im Standbymodus aber nicht kann, muss er extra deswegen regelmäßig auf Normalbetrieb hochfahren. Je nach Tierart passiert das alle paar Tage oder wenige Wochen. Das kostet natürlich jedes Mal gut Energie. Aber Schlaf ist eben so lebensnotwendig, dass das Tier das investieren muss. Nach ein paar Stunden normalen Schlaf fährt der Körper wieder in den Standbymodus zurück.

Während des Winterschlafs sind Augen und Ohren unempfindlich, die Tiere sind also blind und taub. Deswegen hat es dem kleinen stachligen Winterschläfer auch nichts ausgemacht, dass in den letzten Wochen mehrmals nur wenige Meter neben ihm die Brennholzwippsäge kreischte, die Axt krachend auf Holz einschlug und die geteilten Holzscheite scheppernd auf das Pflaster fielen.

 


* Maulwurf und Spitzmaus, beide mit dem Igel verwandt (alle Insektenfresser), machen keinen Winterschlaf. Sie suchen auch bei Frost und Schnee nach Nahrung. Ich weiß nicht, was ich erstaunlicher finde: Dass es der kleine Körper einer Spitzmaus schafft, bei den eisigen Temperaturen nachts herumzulaufen und genügend Nahrung zu finden. Oder wie es der Igel schafft, unter einer dünnen Moosdecke verborgen unbeweglich den Temperaturen zu trotzen.

** Letztes Jahr entdeckte ich auch einen winterschlafenden Igel, unter einem Büschel Altgras.

Oh, es ist wirklich schwierig zu erkennen! In der Mitte des Bildes, zwischen und unter den beiden Blättern, da liegt der Igel. Er fauchte ein bißchen, als ich an seinem Heuhaufen kruschtelte. Weiter stören wollte ich ihn nicht, daher gibt es nur dieses Suchbild 🙂
Advertisements

20 Kommentare

  1. Auch mein Kräuterbeet sieht noch so trostlos aus. Nur Nachbars Katze kann ihm etwas abgewinnen auf der Suche nach einem, im wahrsten Sinne des Wortes, „stillen Ort“. Da wäre mir Dein Igel 1000x lieber.

    Gefällt 1 Person

  2. Was für ein wunderschönes Erlebnis und ein ganz toller Beitrag. Vielen Dank für die Infos zu Igel Maulwurf und Spitzmaus. Wirklich erstaunlich, wie das funktioniert (und ich weiß immer noch nicht, wie der Maulwurf bei Frost durch den Boden gekommen ist?!)!!! Und wie toll, daß sich der Igel in deinem Garten so wohl fühlt und so nah am Hause überwintert. Das ist wirklich ein dickes Kompliment für dich und eine schöne Bestätigung für dein naturnahes Gärtnern! Ich stelle auch gerade fest, daß mein nicht so ordentlicher Balkon Schutz bietet. Ein Amselmann hat sich vorhin unter eine Getrankekiste zurückgezogen. Ich weiß nicht, ob er angeschlagen ist oder sonstige Absichten hat. Immerhin hat er einen Ruheplatz gefunden. So wie das lädierte Rotkehlchen. Auf die Unordnung im Garten und auf dem Balkon 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. Das war ja wirklich eine schöne Überraschung im Kräuterbeet :-). Mein Kräuterbeet befindet sich noch im Winterschlaf, auch wenn unter Laub usw. die Pflanzen auch schon in den Startlöchern stehen. Aber sobald der aktuelle Dauerfrost vorbei ist, werde ich dort auch „aufräumen“müsssen… LG Birthe 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Na, wer weiß, ob du nicht auch noch einen Igel entdeckst 😉
      Mal Aufräumen nach den langen Wintermonaten und das Beet für den Frühling vorbereiten, dagegen ist ja auch wirklich nichts zu sagen!
      Oh, der Frost! Dass sich der bald in den „Frühlings- und Sommerschlaf“ begibt, das wünscht sich mittlerweile wohl jeder!
      Liebe Grüße zurück 🙂

      Gefällt 1 Person

      • Ja, es wird -trotz Schnee – doch Zeit, den „Frühlingsputz“ vorzunehmen. Im Nutzgarten habe ich schon ganz gut vorgearbeitet, aber in Kräuterbeet und BLumenbeeten sieht es noch recht winterlich aus, zumindest auf den ersten Blick… Darunter wartet der Frühling, der sich aber dank Frost noch nicht so recht traut … :-). LG Birthe 🙂

        Gefällt 1 Person

      • Ja, stimmt, eigentlich können wir froh sein über den stetigen Frost. Sonst erfriert wieder alles, wenn es zwischendurch schon so frühlingshaft warm ist. Und was ich auf keinen Fall will, ist, dass dieses Jahr wieder die Obstblüte erfriert! :-O
        Ohja, der Frühling steht echt in den Startlöchern. Ich mag es, beim „Frühlingsputz“ all das Sprießen zu entdecken! Da steigt die Vorfreude noch 🙂
        In diesem Sinne wünsch ich dir viel Frühlings(vor)freude beim „Frühlingsputz“ :-)!
        Liebe Grüße
        Sabine

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s