Die Welt auf dem Birnbaum

oder: Flechtenphilosophie

Bei unserer Baumschnittaktion im Herbst, aus der in Folge König Kürbis einen neuen Thron bekam, wollten wir auch den alten Birnbaum etwas auslichten. Also dort, wo das Geäst zu dicht steht, Ästchen rausnehmen, so dass die reifenden Früchte nicht so dicht aneinanderhängen.

Ganz schön schwankend, so hoch da oben auf der ausgezogenen Leiter… nur nicht zu weit nach rechts oder links beugen, vor lauter Ehrgeiz, noch dieses und jenes Ästchen mit der Gartenschere zu erwischen…

Es war ein wunderschöner Herbsttag, strahlend blauer Himmel, warmer Sonnenschein, die die kurzen knorrigen Ästchen des alten Birnbaums schön in Szene setzte. Mit dem Gartenscherenblick wählte ich im Geäst die Ästchen aus, die ich abschneiden wollte – schnipp hier und schnapp da – immer dort, wo sie zu dicht stehen, ein bis zwei weg, so dass drei und vier mehr Platz haben. Plötzlich, im leuchtenden Sonnenschein, veränderte sich mein Fokus und vor mir öffnete sich eine eigene Welt, eine Welt auf dem Birnbaum…

Die Zweige sind umgeben von Mänteln aus Flechten.
Welch leuchtendes Gelb und Orange! Dazwischen stehen Moospflänzchen wie Mini-Bäume auf einem Flechtenfeld.

 

Wie alt wohl dieses knorrige Ästchen ist?

 

Flechten sind faszinierend, eine ganz eigene Lebensform, eine Gemeinschaft aus Pilzen und Grünalgen oder Cyanobakterien.

 

Mindestens vier verschiedene Flechtenarten konnte ich im Birnbaum ausmachen, aber frag mich nicht welche!! Flechtenbestimmen ist eine ganz eigene Wissenschaft, und nur mit Büchern nicht zu machen. Diese Flechte hier gehört jedenfalls zur Gruppe der Strauchflechten – das bezieht sich nur auf die Wuchsform, nicht auf die Verwandtschaftsverhältnisse.
Manche Flechtenarten können Jahrzehnte trockenfallen. Und dann gibt man ihnen ein bißchen Wasser, und zack erwachen sie zu neuem Leben!
Manche Flechtenarten wachsen derart langsam, da kann so ein kleines paar Zentimeter großes Stück schon mehrere Jahrzehnte alt sein. Das ist hier sicherlich nicht der Fall, aber trotzdem denke ich darüber nach, dass dieses kleine Gewächs hier vielleicht schon länger hier im Garten lebt als ich.

Irgendwann merke ich, dass ich die Gartenschere nur noch in der Hand halte, ohne sie zu betätigen. Ich kletterte von der Leiter und tauschte sie gegen die Kamera. Es ist einfach unmöglich, weiter in diese kleine Welt im Birnbaum einzugreifen, nur um „auszulichten“.

Eine Welt in unserer Welt. Weil so hoch oben, völlig unbemerkt von uns, obwohl wir doch ständig unter ihr und um sie herum kreisen. Wie beschränkt und oberflächlich doch unser Sichtfeld, unsere Sichtweisen oft auf die Dinge um uns herum sind, wie selten nehmen wir uns Zeit, das Leben neben uns, um uns herum wahrzunehmen… Der alte Begriff Demut kommt mir in den Sinn. Demut und Achtsamkeit… hätte mensch nur mehr davon, es sähe ganz anders aus auf dieser Welt…

 

2 Kommentare

  1. Das ist wohl wahr. Mit mehr Demut sähe die Welt ganz anders aus. Zauberhafte Flechtenbilder- und Landschaften! Die sehen fast genauso aus, wie die Schlehenbilder, die ich die Tage gemacht habe. Anscheinend siedeln hier die gleichen Moose und Flechten. Ich liebe diese Miniaturlandschaften, besonders auf dem alten Holz. Deshalb kam ich auch zu dem Schluß, daß Alter so viel Charakter hat. Wunderbare Bilder 🙂

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