Atempause…

… im Hambacher Wald für Bäume und Aktivisten, für Waldarbeiter und Polizisten, für Dörfer und Menschen, die ihre Heimat verlieren. Über den Jahrhunderte alten Wald wird neu entschieden. Vielleicht, vielleicht bekommt er ja doch nochmal eine Chance. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Oder anders formuliert: Dum spiro spero! – So lange ich atme, hoffe ich.

Im Hambacher Forst und in den Tageabbaugebieten von NRW war ich noch nicht. Aber in Brandenburg. Der Tag, an dem wir den Tageabbau suchten, erzählt eine ganz eigene Geschichte. Dieses Foto entstand jedenfalls von einem Aussichtsturm aus. Aus der Ferne wirkt es wie eine Szene aus einem riesigen Sandkasten.

Im Eilverfahren hat das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster einen Rodungsstopp im Hambacher Wald verfügt. Seit Dienstag, 28.11., 18 Uhr darf RWE nicht mehr fällen. Und das Land RWE muss das sicherstellen…. Oh, jetzt hab ich mich vertippt. Das „Land NRW“ meine ich natürlich. Mmh. Ist ja witzig: NRW…RWE…NRWE…hat durchaus Ähnlichkeiten mit dem Wortspiel „vo-rwe-ggehen“ aus der RWE-Werbung…

Was nicht so gut zusammenpasst wie die Buchstaben, sind Tatsachen und Werbespruch. Braunkohleverstromung hat ja nicht so viel mit „vorweggehen“ zu tun. Außer, man geht im Rückwärtsgang vorweg. Dabei sieht man nämlich nicht, was vor einem liegt, was die Zukunft bringt. So gesehen gehen sie sicherlich in großen Schritten vorweg.

Als wir endlich tatsächlich am Rand einer Tageabbaufläche stehen, verschlägt es uns für einen Moment den Atem. Schon oft haben wir solche Bilder gesehen, aber dort live zu stehen, ist – wie immer eigentlich – etwas ganz anderes. Es ist nicht mehr nur zweidimensional auf einem Foto, abstrakt irgendwo auf der Welt, weit weg von unserem idyllischen Heimatort. Sondern es liegt direkt vor unserer Nase. Wir sind da. Es ist 3D und real.

Dieser Rodungsstopp gilt erstmal – leider – nur vorübergehend. Bis das Oberverwaltungsgericht über eine Beschwerde des BUND entschieden hat. Diese Beschwerde richtet sich gegen einen Beschluss des Verwaltungsgerichts Köln vom 25.10.2017. Damals hatte das Gericht auch schon im Eilverfahren einen Rodungsstopp veranlasst, aber entscheidende Flächen waren davon ausgenommen. So konnte die RWE trotz Rodungsstopp munter weiter fällen und damit unumkehrbare Fakten schaffen. Jetzt ist Stopp wirklich Stopp.

Der Stopp gilt auch für den Eskalationskurs der Landesregierung von NRW gegenüber den Aktivisten. Den Aktivisten wird ja gerne unterstellt, ihnen sei einfach nur langweilig, und sie „hätten nichts Gescheites gelernt“, weswegen sie jetzt in Bäumen hocken würden. Doch die Aktivisten im Hambacher Wald sind Bürgerinnen und Bürger, die ihr eigenes Leben umgekrempelt haben, um sich für den Erhalt von Heimat einzusetzen und einen der ältesten Wälder Deutschlands zu verteidigen. Weil er sich nicht selbst verteidigen kann. Oder stell dir mal vor, der bildhafte Ausdruck „Bäume schlagen aus“ würde mal wortwörtlich eintreten… einTreten… Ach ja, heute purzeln die Wortspielchen nur so aus der Tastatur.

Was bleibt, sind Schilder wie dieses hier. Ich stelle mir vor, auf diesem Schild würde der Name unseres Ortes stehen, und ein Zeitraum im 21. Jhd. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Gruselig…

Die Menschen, die ihre Heimat wegen des Braunkohleabbaus verlieren, bekommen zwar Ersatz für ihr verlorenes Zuhause gestellt. Aber ein Häuschen irgendwo in einer Neubausiedlung mit kleinem Gärtchen ist ein schlechter Tausch, wenn man mal in einer alten Landschaft auf einem urigen Hof wohnte, der seit Generationen im Familienbesitz war.

Die Landesregierung NRW bekämpft also Bürgerinnen und Bürger, deren Interessen sie mindestens ebenso vertreten und ernst nehmen sollte wie die Interessen eines großen Stromkonzerns. Ich sag ja: NRWE.

Dum spiro spero! So könnte man auch die Worte von Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND, zusammenfassen: „Der Beschluss verschafft wertvolle Zeit, die sowohl RWE als auch die Landesregierung für ein Umdenken nutzen sollten. Die Klimaschutzziele setzen den Tagebauen eine enge Betriebsfrist. Der Kohleausstieg auf Bundesebene ist nur noch eine Zeitfrage. Den wertvollen Hambacher Wald dem Tagebau zu opfern, um Kohlekraftwerke zu befeuern, die ohnehin abgeschaltet werden müssen – das ist nicht länger vermittelbar. RWE muss sich jetzt auf den Kohleausstieg einstellen, denn seine uralten Meiler werden die ersten sein, die stillgelegt werden.“

Hoffen wir mal, dass der uralte Wald weiteratmen darf…


Bereits vor knapp einem Jahr berichtete ich über unsere persönliche Energiewende. Unser Projekt „Kühlschrank aus“, das in 2016 startete und 2017 fortgesetzt wird, ist ein Teil davon. Starte deine eigene Energiewende! Zum Beispiel Stromanbieter wechseln. Als Kunde entscheidet jeder von uns mit, was auf dieser Welt passiert.

 

weiterführende Links:

über den Hamabacher Wald

die Deutschen Welle berichtet regelmäßig, u. a. am 29.11.2017: Mit Baumhäusern den Wald retten

Blog hambacher forst.org

Facebook-Seite der HambacherForstBesetzung

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9 Kommentare

  1. Unverständlich daß sowas in unserem Lande möglich ist. Wenn jemand privat baut und dafür ein Baum gefällt werden muss, ist das ein riesen Zirkus, die zerstören ganze Dörfer und Landstriche und das für eine veraltete längst überholte Energiegewinnung. Man kann sich auch kaum vorstellen, dass sich das ökonomisch rechnet, wenn man wirklich alles zusammenzählt -z.B. auch die spätere Renaturierung.

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  2. Tja, ich drücke die Daumen, daß es ein positives Ende nimmt, wobei ich gerade etwas deprimiert bin, weil man in Sachen Elbvertiefung anscheinend auch keinerlei Probleme sieht. Die Wiesen versalzen, die (paar letzten) Fischer können aufgeben, wenn die Vertiefung kommt, die Fließgeschwindigkeit wird steigen, aber alle Klagen sind bislang abgewiesen worden, soweit ich weiß auch die von den Naturschutzbünden, mit der Begründung, daß alles korrekt sein würde. Jetzt müssen sie nur noch einen Platz für dieses seltene Kraut suchen (Wasserfenchel oder was war das) und dann kann sie nichts mehr aufhalten. Entscheidungen, die man nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht immer nur weiter und größer und größer werden. Und wie du hier anführst, sollte die Braunkohle auslaufen, aber auf die letzten Meter noch einen der letzten alten Wälder opfern und die letzten Dörfer platt machen oder wie. Das kann´s doch echt nicht sein. Natürlich sind Arbeitsplätze wichtig, aber es muß doch auch anders gehen. Deshalb: ich hoffe mit dir !!!!!!!! Seufz.

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    • Als ich klein war, klebte auf vielen Autos ein Aufkleber mit einem Spruch: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“
      Der hat an Aktualität nichts eingebüßt.

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      • Den Spruch habe ich gerade verwendet, nachdem in den Nachrichten eben berichtet wurde, daß Trump 7 Nationalparks überprüfen lassen will, um Land zur Förderung von Rohstoffen zu verkaufen. Im ersten Park machen sie das jetzt. Soll er an seinem Geld doch………….grrrrrrrrrrrrrrrr !!!

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      • Ne, oder???? Oh mann… wie kann man nur so ein Nullchecker sein. Da kann man nur hoffen, dass die Amerikaner lautstark aufstehen und das zu verhindern wissen. Wir haben sie eigentlich so erlebt, dass sie sehr stolz auf ihre Nationalparks sind. Er war wohl noch nie wirklich dort (wenn überhaupt, dann nur körperlich), sonst kommt man gar nicht auf so eine Idee. Unwiderbringlich! Da fällt mir auch nur noch eins ein: GRRRRRRRR!

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      • Man weiß ja, daß die Menschen verschieden sind, aber manches kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Die Umweltschützer dort drehen natürlich auch durch. Hauptsache Kohle machen…….boh ey. Ist das Land nicht groß genug, als daß man Rohstoffe noch im Nationalpark suchen müßte ???? Unbelievable !!!!

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