Cara, Frieslander und der Rote Erstling

Stand mit Saatkartoffeln beim Saatgutfestival in Nürnberg, Mitte Februar 2020. So viele verschiedene Sorten! Die Auswahl ist nicht leicht, aber dank der Beschreibungen sind die Kartoffeln, die zu unserem Boden passen, bald gefunden.

Es war einmal die kleine Kartoffelprinzessin Cara. Zusammen mit vielen anderen Caras schlummerte sie in einer großen Holzkiste friedlich vor sich hin. In der benachbarten Kiste schnarchte der dicke schwere Frieslander. Die kleine Cara fand ihn ein bißchen unheimlich. Aber zum Glück lagerte auch Roter Erstling, der edle Ritterkartoffelmann, in der Nähe. Das beruhigte sie, und so konnte sie sich ihrem Kartoffelwinterschlaf widmen.

Nach einigen Monaten kam plötzlich Leben in die stille Bude. Die Kisten schaukelten, Licht und Dunkelheit wechselten sich ab, ein Geholper und Geruckel, und dann, nach vielem Hin- und Hergeschiebe, standen ihre Holzkisten alle nebeneinander aufgereiht in einem großen Saal (Anmerk. der Redaktion: Saatgutfestival in Nürnberg). Dann wurde es still. Nur Frieslanders lautes Schnarchen war zu vernehmen. Großartig, dachte Cara, den bringt wohl nichts aus der Ruhe!

Hui, ich hab Saatkartoffeln gekauft! Vor lauter Freude musste ich sie noch ein bißchen bewundern und ließ sie zusammen mit all den vielen Samentütchen einen Tag bei uns im Wohnzimmer liegen. Wie sich herausstellte, ein Fehler. Durch die warmen Temperaturen wurde die Keimruhe unterbrochen…

Am nächsten Tag war es damit dann schnell vorbei. Der große Saal füllte sich mit Gemurmel, Gelärme und Gedränge. Hände griffen in die Kisten und hoben Kartoffeln in braune Papiertüten, die davon getragen wurden. Die Kartoffelkisten leerten sich.

Cara beobachtete alles staunend. Plötzlich spürte sie einen warmen Druck, dann ein Fahrstuhlgefühl, und eh sie sich´s versah, waren Licht und Gemurmel plötzlich gedämpft. Nun war auch sie in einer Papiertüte gelandet. Richtig kuschlig hier eigentlich, dachte sie, nachdem sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte. Eben wollte sie es sich gemütlich machen, als gleich der nächsten Schreck folgte. Direkt neben ihr entdeckte sie ausgerechnet Frieslander. Sie hielt den Atem an. Was sollte sie jetzt nur tun? Vom edlen Ritter Roten Erstling fehlte jede Spur. Doch zum Glück war Frieslander zu sehr damit beschäftigt, seinen Platz für seinen dicken Laib in der engen Tüte zu behaupten, so dass er sie gar nicht beachtete. Cara entspannte sich und konzentrierte sich auf das, was passierte. Geschaukel, Dunkelheit, weiteres Geschaukel.

Mitte April herschte dringender Handlungsbedarf. Weil ich die Keimruhe unterbrochen hatte, trieben einige Kartoffeln schon aus und wurden langsam schrumpelig. Hoffentlich werden sie trotzdem noch was, sonst war das ein teurer Kauf.

Dann plötzlich Licht, ein neuer Ort, wieder Geräusche und Stimmen, aber deutlich leiser. Von einer Holzkiste fehlte jede Spur. Stattdessen lag sie mit anderen Caras, Frieslander & Co sowie Roten Erstling-Ritterkartoffeln auf einer Holzplatte. Sie waren deutlich weniger geworden, seit sie in den Papiertüten gelandet waren. Es war ungemütlich. Sie vermisste das Enge, Kuschlige aus der früheren Holzkiste, das Tageslicht kitzelte sie, an tiefem Schlaf war nicht zu denken. Wie freute sie sich, als sie erneut in eine hübsche kleine Holzkiste umzog! Der Frieslander landete in der entgegengesetzten Ecke, der Rote Erstling lag neben ihr, zufrieden fiel sie in ihren wohlverdienten Kartoffelschlaf.

Doch so ruhig und tiefenentspannt wie ehemals war dieser Schlaf nicht mehr. Immer wieder zog und zerrte es in ihr. Irgendwas war anders geworden. Aber was? Eine unbestimmte Sehnsucht erwachte in ihr und zusammen mit dem immer wieder auftauchenden Ziehen und Zerren wurde diese immer stärker.

Als erstes: Kartoffelacker herrichten. Da der Winter 2019/2020 sehr trocken war, fand leider kaum Verrottung statt. (Ganz im Gegensatz zum Gewächshaus übrigens, wo ich regelmäßig gegossen habe.) Daher mussten wir sehr viel Kompostmaterial wieder entfernen, das eigentlich dort – ganz im Sinne der Permakultur – zu guter Erde hätte werden sollen.

Eines Tages spürte sie, dass ihre Kiste wieder zu schaukeln anfing, und es wurde gleißend hell. Genauso hell wach war plötzlich Cara. Es kam ihr so vor, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Wieder ein warmer Druck, ein Fahrstuhlgefühl – und dann spürte sie etwas ganz neues: kühl, feucht und zack! war´s dunkel

Was war das? Cara hielt kurz den Atem an. Es fühlte sich großartig an! Sie fing an zu ahnen, was das Ziehen und Zerren und die Sehnsucht in den letzten Wochen zu bedeuten hatten.

Sie reckte und streckte sich, schob das Dunkle mühelos beiseite und … Was für ein großartiges Gefühl! Sonne, Schatten, Tag und Nacht, Regen und Wind… Vergessen waren die anderen Caras, die gemütlichen Holzkisten und kuschligen Papiertüten, das Schnarchen des unheimlichen Frieslanders und sogar der edle Rote Erstlingsritter.

Das alles war nichts gegen das hier. Das war das wahre Kartoffelleben! Das spürte sie genau!

Sie genoss jeden Tag in vollen Zügen, freite sich über ihre Nachbarn, reckte und streckte sich, und wollte unbedingt – Prinzessinenehre – die schönste auf dem Platze sein!

Doch irgendwann wurde sie müde. Das Wachsen und Aufrecht stehen wurde ihr zu anstrengend, und sie fand, es wurde wiedermal Zeit für einen ausgedehnten langen Schlaf. Außerdem gab es ja jetzt viele neue Caras. Sollten die doch mal…

 

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