Inseln, Wege, Randstreifen

Die Kunst des Mähens

Endlich Sommer! Endlich blüht es! Haben wir uns nicht so sehr nach Sonne, sattem Grün und bunten Farben gesehnt, nach diesem langen kalten Frühjahr? So lange war alles nur braun und matschig und bäh. Nach Ostern stattete uns sogar der Winter nochmal einen Besuch ab, mit Schnee und Frost. Daweil haben wir doch schon im Februar – begierig nach Blütenduft und Frühlingsfarben – Osterglocken und Hyazinthen gekauft und uns Tulpen – importiert aus den Niederlanden oder gar Afrika – auf den Wohnzimmertisch gestellt.

Aber jetzt ist endlich Sommer! Mit Sonne, sattem Grün und Farben! Zart-lila Glockenblumen, dunkel-lila-Schneckenklee, roter Mohn, weiß-gelbe Gänseblümchen, gelber Hornklee, pinke Flockenblumen…


Räääääääng! Wenn da nicht die Rasenmäher auch noch ein Wörtchen mitreden würden. Und seit neuestem auch immer mehr Rasenmähertraktoren. Und natürlich auch die Freischneider. Am besten kommen alle drei zum Einsatz. Nacheinander, doppelt und dreifach hält besser. Ach, was red ich. Vierfach! Das muß scho gscheit gmäht sein. Sonst is des nix. Muß schon ordentlich sein.

Ein schöner Streifen Mohnblumen im zierlichen Gras? Rääääääng! Weg!

„Du, schau mal! Die Nachbarn haben die Gänseblümchen stehen lassen!“…Nein, natürlich nicht! Wo kämen wir denn da hin? Man ist nur beim Mähen unterbrochen worden. RÄÄÄÄNG weg!

„Hast du gesehen? Die in dem großen Haus an der Ecke, die haben eine richtige Wiese stehen lassen.“ Nein, haben sie nicht! Der Rasenmähertraktor war nur kaputt. Aber jetzt geht er endlich wieder! Vorwärts und rückwärts und linksherum und rechtsherum, fünf Stunden, und jetzt sieht´s nach was aus.

….

Ich frag mich ja immer wieder, wie es in den Herzen von Menschen aussieht, die so viel Zeit und (fossile) Energie da hineinstecken, alles bunte Leben niederzumähen. Auf Flächen, die man eh nie betritt – außer eben mit dem Rasenmäher. Oder jetzt neu: auch mit dem Rasenmähertraktor.

Sind die Augen so blind? Die Herzen so leer?
Das Artensterben kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Es ist auch ein Symptom dessen, wie es in uns aussieht.

Es gibt auch positives zu berichten: Der eine Nachbar hat nun schon im zweiten oder dritten Jahr eine 1-2 qm große Blühinsel stehen lassen. Bei einem anderen wächst ein Mohnblumenbusch am Rand des Gemüsebeets. Ein Stück Straßenböschung ist dieses Jahr erst einmal gemäht worden – und nicht wie sonst überlich einmal die Woche. Wir halten jedes Mal den Atem an, wenn wir um die Ecke biegen: Steht es noch oder ist es schon wieder ab?…

Kleine Dinge, die der Seele gut tun, die sieht und weiß, was durch das alltägliche Handeln permanent zerstört wird. Die vor allem weiß, was wir dringend tun müssten, um noch eine Chance zu haben, das Artensterben aufzuhalten.
Und gleichzeitig ist es echt traurig, dass wir uns schon über solche Kleinigkeiten ein Loch in den Bauch freuen.

Wie heißt der Spruch? Steter Tropfen und so? Wobei: Wir befinden uns eher in einer Sanduhr als unter einem stetig tropfenden Wasserhahn. Also von wegen Tropfen, Sand rieselt! Und er rieselt verdammt schnell. Man kann zuschauen, wie sich der obere Glaskolben leert…

Dabei fällt mir der Hashtag ein, der seit über zwei Jahren kursiert, und einfach alles sagt, was es dazu zu sagen gibt: There´s #NoPlanetB!

Inseln

Einfach mal drumherum mähen! Und schon wird der Garten 3D!

Wege

Dort, wo man regelmäßig entlang läuft, macht hohes Gras natürlich keinen Sinn. Aber betritt man wirklich alle Flächen seines Gartens? Oder anders gefragt: Muß man alle Flächen ständig betreten?

Randstreifen

Ein Busch Schöllkraut an der Mauer oder Wiesenpipau entlang der Hauswand – tut das wirklich so weh?

Leben!

Gerade jetzt, wenn in der Landwirtschaft die Wiesen gemäht werden und Gemeinden und Städte – auch auf Druck von Bürger*innen – sämtliche öffentliche Flächen, Straßenränder und Böschungen „sauber mähen“, ist jedes Blümchen für die Insektenwelt umso wertvoller.

26 Kommentare

    • Danke für den Reblog!
      Ich glaube, ich habe diese Funktion mal ausgeschaltet, weil eine etwas ominöse Seite meine Beiträge so als ihre eigenen ausgegeben hatte. Trotz mehrmaligem Nachfragen bekam ich nie eine Antwort, das hatte mich dann doch sehr geärgert.
      Aber verlinken geht ja auch :-)!
      Voll schön, dass du auch Teilbereiche stehen lässt!

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  1. Das Projekt „Tausende Gärten-tausende Arten“ https://www.tausende-gaerten.de/die-kampagne/ hatte zum „mähfreien Mai“ aufgerufen; Bibo, Du und ich und Andere, wir mähen selten und wenn nur da, wo wir’s möchten; – aber ich frage mich: wie erreicht man die Leute, die nicht per se naturaffin sind? Seit JAHREN geht nun schon das Artensterben durch die Medien, und trotzdem werden Schottergärten und Rasenmäherroboter immer mehr statt weniger.
    Ich versuche ja wie Du, mein Kleines beizutragen und das schöne zu sehen, aber momentan schicke ich

    frustrierte Grüße!!

    *seufz*

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    • Oh, super! Das ist ja ein cooles Projekt!
      Ohja, das ist wirklich DIE Frage! Im Zusammenhang mit der Üebrzeugungsarbeit – wie bringt man Menschen ins Tun – spricht man von drei Gruppen.
      Die einen, die gerne etwas tun und ndenr würden, aber die einfach nicht wissen wie und wo anfangen und vielleicht auch manchmal überfordert sind oder vom Alltag einfach ständig überrantt werden, so dass die Ruhe fehlt, mal irgendwoe zu starten. Diese Gruppe nennt man „low hanging froots“ – diese Menschen kann man sehr gut erreichen, wenn man ihnen hilft, ihre jeweiligen Hürden zu überwinden.
      Dann gibt es diejenigen, die noch keine wirlich eigeen Mienung haben, aber offen sind für Argumente. Da lohnt es sich, in den Austausch zu gehen, Vorbild zu sein, zu zeigen, dass es geht, und irgendwann probieren sie dann die ersten Schritte aus und sind dann begeistert.

      Und dann gibt es die dritte Gruppe – unbelehrbar, „immer weiter so“, bloß nichts ändern, alles Quatsch, Artensterben und Klimakrise gibt es nicht, und auch die Fraktion „soll erstmal China anfangen“ – usw. – hier ist jede Spucke verloren. Da braucht man gar nicht erst anfangen.
      Das Gute ist: Diese unbelehrbaren Menschen brauchen wir auch nicht überzeugen, die Ziet und Energie und den Frust kann man sich echt sparen – jahrelange Erfahrung!!
      Denn: Wir können es auch ohne die ewig gestrigen schaffen, wenn die anderen alle mit loslegen! 🙂

      Vielleicht hilft dir das ein bißchen – ich kann deinen Frust sehr nachempfinden!! Ich kenne ihn nur zu gut… 🙂

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      • Ob das eine wissenschaftliche Einteilung ist, weiß ich nicht, aber ein langjähriger Aktivist hat das mal so zusammengefasst, und es stimmt einfach. Ich kann das sofort aus meiner eigenen langjährigen Aktivistenerfahrung und aus meiner Arbeit bestätigen :-). Low hanging fruits ist bei uns mittlerweile ein feststehender Begriff, und jede*r weiß, was damit gemeint ist ;-). So oder so ist es sehr hilfreich und spart einem eine Menge Frust!! 🙂 und man konzentriert seine Zeit, Energie und Kraft besser und mit schöneren Erfolgen und schöneren Ergbenissen und positiveren Feedbacks :-). Sonst verzweifelt man ja nur noch! Da macht man sich kaputt, das ist auch nichts.
        Die Welt braucht engagierte Menschen, die sich für sie einsetzen! Da hilft es nicht, wenn wir alle wegen Frust-Burnout umkippen und in die Resignation abrutschen :-).
        Also, low hanging fruits ;-)!

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      • Gutes Beispiel und ein paar freundliche Worte helfen manchmal mehr als Überzeugungsarbeit. Ein Nachbar, der früher in ordentlicher Hausmeistermanier gemäht hat, lässt inzwischen Margeriten-Inseln stehen und sogar ein paar Brennnesseln an meinem Zaun. Dafür darf er einen Strauch beschneiden, der von mir in seinen Garten wächst, was er gewissenhaft erledigt.

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  2. Das sieht soooo schön aus bei dir! Toll. Und wie einfach, etwas stehen zu lassen und sich dann an so vielen Blumen, Insekten, Vögeln usw. erfreuen zu können. Vielen dieser Rasenmäherfanatiker geht es ja um Ordentlichkeit. Du zeigst, wie man etwas Wildes wachsen lassen kann und man versinkt trotzdem nicht im Chaos. Mich würde das ja nicht stören, aber andere haben wohl massive Probleme damit. Wie es in diesen Menschen aussieht, frage ich mich auch immer. Vielleicht geht es diesen Menschen am meisten um Ordnung, aber ich verstehe nicht, wo sich das wiederspricht. Geht doch 🙂 Oder wieso sollten mich farbenfrohe Mohnblüten und Gräser vor dem Grundstück stören? Sieht doch schön aus! Hier hat man an einer Kreuzung einen Streifen mit Mohn bepflanzt. Ich stehe jedes Mal selig an der Ampel und kann mich nicht satt sehen! Weiter so liebe Sabine! Es geht was, juhu 🙂 LG Almuth

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  3. Yes! (I am here thanks to Almuth). Where I live it is more rural and people are a little more respectful of nature but still…a man used to mow everything around our house (with a tractor mower), then he would use the gas-powered trimmer and remove all the pretty edges, including a beautiful strip of flowers that like to grow next to a creek. It looked so sad after he was done. Now he’s gone, which is sad, but the plants are doing better with the new person. So far he has left small islands of plants around some trees and the flowers by the creek are growing freely. I hope it stays that way this year! We need every green, growing thing we can get. (Sorry for the English!).

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    • Sounds wonderful… small islands around the trees and the flowers in the creek… I hope with you, that this or similar will be the new normal around your house! It seems, the new one has an eye and an heart for that. Perhaps, the nature will be lucky then. 🙂

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  4. Ich habe im letzten Jahr zweimal den Rasen bzw. die Wiese gemäht, davon einmal vor der Zwetschgenernte, um die Zwetschen im Gras zu finden. Das hat vollkommen gereicht. Auf den Trampelpfaden zum Kompost und zu den Sträuchern und auf dem Hunde-Tobe-Platz wachsen sowieso nur trittfeste, niedrige Pflanzen und der Rest darf so hoch werden, wie er will. Das Mähgut kommt auf den Kompost, so kann die Wiese weiter ausmagern. Ich beobachte auch seit letztem Jahr, dass an den Straßenrändern nicht mehr alles auf einmal gemäht wird, sondern z.B. nur die Hälfte des Grünstreifens. Offenbar hat das Volksbegehren zur Insektenvielfalt in Bayern doch ein Umdenken bewirkt, wenigsten teilweise. Es ist halt ein langer Lernprozess.

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    • Das Kompostieren von Gras klappt perfekt, oder? Voll cool, dass du davon schreibst! Ich hab immer das Gefühl, das glaubt einfach niemand, dass Gras kompostiert. Was soll auch sonst daraus werden, außer Erde?
      Stimmt, an den Straßenrändern hab ich das zum Teil auch schon beobachtet. Auch bei uns in der Gemeinde tut sich da langsam etwas. Wir sind diesbezüglich auch im Austausch mit unserem Bürgermeister, der hier sehr engagiert ist. Es gibt da unglaublich vieel Vorurteile gegen das Stehenlassen und weniger mähen, da muß man wirklich erstaunlcih viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir haben jetzt ein paar Versuchswegränder, entlang von Feldwegen. Also das Argument mit der Verkehrssicherheit zieht hier schon mal nicht mehr ;-).
      Mal sehen, wir hoffen, dass das auch mal den Winter über stehen bleibt, damit Vögel dort Nahrung finden und Insekten überwintern können.. Wenn uns das gelingt, dann wäre das eine Revolution!

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      • Das Kompostieren von Gras klappt sogar sehr gut und schnell, warum auch nicht, anderes Grün lässt sich ja auch kompostieren. Allerdings lasse ich das Gras immer erst antrocknen und gebe es nicht nass auf den Kompost. Und die Schichten sollten nicht zu dick sein, sonst lieber ein paar Zweige oder eine andere Zwischenschicht rein, damit das Gras/Heu kompostiert und nicht fault. – Schön, dass sich bei Euch auch etwas tut an den Straßenrändern. Ich denke und hoffe, dass wir da wirklich in einer Zeit des Umbruchs leben, auch wenn alte (bequeme) Gewohnheiten zäh sind. Aber vor dem Arten-Rückgang kann wohl niemand mehr die Augen verschließen, die Zahlen sind so eindeutig.

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      • Ja, ne? Gras kompostiert wunderbar! Was soll auch sonst damit passieren? 😉

        das dneke ich auch, also mit dem Umbruch, zumindest kann man vieles in der Richtung beobachten. Der Sprech hat sich auch sehr geändert. Man muß sich nicht mehr so rechtfertigen und verteidigen, wenn man sich für Artenvielfalt einsetzt. Im Gegenteil, mittlerweile müssen sich diejenigen verteidigen, die das Artensterben herunterspielen. Das Thema ist auch raus aus dem „Ökospinnerimage“, wenn du weißt was ich meine. Man könnte sagen: Der Wind dreht sich. Hoffen wir, dass es noch rechtzeitig ist…

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  5. Dein Garten ist schön und wahrt ein gutes Gleichgewicht von Wildnis und einer praktischen Wegeorganisationsordnung. Es ist eine lebendige Ordnung, die harmonisch den Bedürfnissen von Pflanzen, Tieren und Menschen gerecht wird.

    Ich habe ebenfalls positives zu berichten:
    In meiner Genossenschaftssiedlung wurde ja vor drei Jahren (auf meine Veranlassung hin) eine ca. 100m² große Wildblumenwiese angelegt, und seit letztem Jahr läßt der nette Gärtner auf dem Rest der großen Rasenfläche zwischen dem Häuserkarree mehrere Inseln mit Wiesenmargareten stehen, nachdem meine Nachbarin und ich ihn dazu angeregt haben. Und in diesem Jahr läßt er nicht nur die Wiesenmargareteninseln stehen, sondern auch drei weitere, ziemlich große Flächen mit viel Weißklee.
    Wenn ich den Gärtner das nächste Mal sehe, werde ich ihn loben und fragen, ob es seine Idee war oder ob die Genossenschaftsleitung nun freiwillig noch weitere Fortschritte hinsichtlich einer ökologisch sinnvollen Grünflächengestaltung macht. Er hat dieses Jahr auch ein Insektenhotel mitten in die Wiese „gepflanzt“ …
    Und ich kümmere mich seit drei Jahren noch um zwei Baumscheiben vorm Haus. Gerade erblühen dort neben Kornblumen, Kornraden, Schleifenblumen, Löwenmäulchen, diversen Kleearten, Purpurlichtnelken, Taubenkropfleimkraut, Habichtskraut usw. riesige KÖNIGSKERZEN.

    Naturverbundene Grüße von
    Ulrike

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    • Oh, danke für die Good News! Das ist ja toll!! Solche Good News können wir alle gebrauchen, glaub ich, oder? Sehr sehr cool! Und wenn sich die Menschen daran gewöhnen, dann wird das auch das neue Normal.
      So, mit all den schönen Good News hier geh ich gleich beschwingter in den Tag :-)!

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