Erster! Was die Frühlingsboten uns erzählen

Endlich! Die Frühlingsboten sind aufgewacht! Anfang letzter Woche tauchten die ersten in unserem Garten auf. Und jetzt ratet mal, wer das war. Nein, keine Winterlinge und auch keine Schneeglöckchen, sondern gelbe Krokusse!

Tatsächlich ERSTER in diesem Jahr! Wobei streng genommen der Hasel der erste war. Seit etwa drei Wochen summen in ihm zur sonnig warmen Mittagszeit die Bienen. Die Haselblüten werden zwar vom Wind bestäubt, aber den Pollen kann biene ja trotzdem sammeln.

Erst ein paar Tage später öffneten auch Winterlinge und Schneeglöckchen ihre Blütenköpfchen. Seit dem letzten Februartag blühen sie nun alle drei um die Wette – und heute morgen gesellten sich die ersten Märzenbecher dazu. Wenn das kein Frühlingsauftakt ist!

Noch sind sie geschlossen, die Blütenköpfe der Winterlinge, während die ersten Krokusse schon blühen.

Irgendwie erstaunt es mich sehr, dass dieses Jahr Krokusse, Winterlinge, Schneeglöckchen und Märzenbecher gleichzeitig blühen. Ganz spontan würde ich sagen: So hab ich das noch nicht erlebt. Vor allem dass sich hier bei uns schon im Februar die ersten Krokusblüten öffnen, kommt mir sehr ungewöhnlich und sehr früh vor… „Der Klimawandel macht´s möglich“, schießt es mir sofort durch den Kopf.

Schneeglöckchen, Galanthus nivalis, die einzige Art, die in Mitteleuropa heimisch ist. Plötzlich geht es dann immer schnell! Am Vortag war noch nichts vom Weiß zu sehen, und einen Tag nach dieser Aufnahme haben sie ihre Blüten geöffnet.

Derlei „wann blüht was“-Gefühle täuschen natürlich genauso oft wie Wettererinnerungen – ein Jahr ist lang, und die Erinnerung verzerrt schnell. Ich brauche also Fakten. Leider kann ich meine Blühpflanzenzählung aus dem letzten Jahr in diesem Falle nicht zu Rate ziehen. Denn erst Ende April startete ich mit der taggenauen Auflistung. Alles, was vorher schon zu blühen begann, hab ich rückwirkend aufgeschrieben. Aber vielleicht hilft ein Blick ins Fotoarchiv weiter, auch wenn ich nicht jedes Jahr jede neu erscheinende Blüte fotografisch festhalte.

Tatsächlich knipste ich die ersten Schneeglöckchenbilder im Jahr 2016 früher als dieses Jahr; 2017 und 2018 dafür erst zwei Wochen später, zeitgleich mit den Winterlingen. Fotos von Krokussen tauchen in allen drei Jahren erst Ende März auf.

Mmh, vielleicht wachsen bei uns im Garten auch ein paar sehr früh blühende Krokussorten, die ich bisher nie groß beachtet habe?

Auf diese Frage werde ich wohl keine Antwort finden. Mein „Kurzzeitarchiv“ eignet sich ohnehin nur dafür, Schwankungen zwischen den letzten Jahren festzustellen, und die sind erstmal ganz normal.

Winterlinge sind mit den Buschwindröschen verwandt, beide gehören zu den Hahnenfußgewächsen, Ranunculaceae.

Aber es gibt sie, diese gewissenhaft durchgeführten taggenauen Langzeitdokumentationen über den Blühbeginn einzelner Arten. Die Wissenschaft der Phänologie beschäftigt sich damit. Und ihre Ergebnisse sind eindeutig: Der Frühling beginnt mittlerweile tatsächlich früher als noch zu Jugendzeiten meiner Oma.

Besonders beeindruckend finde ich den „Hamburger Forsythienkalender“. Seit 1945 wird aufgezeichnet, wann die Forsythien an der Lombardsbrücke in Hamburg ihre Blüten öffnen. Damals wusste man noch nichts vom aktuellen Klimawandel, und trotzdem wollten anscheinend Menschen dokumentieren, wie es sich mit der Blüte über die Jahre hinweg verhält. Vielleicht ist noch interessant zu wissen, dass Forsythien dann zu blühen anfangen, wenn die Bodentemperatur etwa 8° erreicht hat, also definitiv kein Bodenfrost mehr zu erwarten ist.

Das beeindruckende und zugleich erschreckende Ergebnis dieses Blühkalenders ist: Innerhalb von 50 Jahren hat sich die Forsythienblüte am Standort „Hamburger Lombardsbrücke“ um 26 Tage verfrüht.

Geht´s noch kitschiger? Apfelblüte vor einem Wahnsinns Himmelblau, am letzten Tag im April 2018.

Ein anderes charakteristisches Ereignis für den Frühlingsbeginn ist die Apfelblüte. Die Aufzeichnungen darüber reichen ebenfalls weit ins letzte Jahrhundert zurück. In Bayern zum Beispiel hat sich seit 1951 die Apfelblüte in jedem Jahrzehnt im Schnitt um 1,7 Tage verfrüht (Angaben vom Deutschen Wetterdienst). Oder anders ausgedrückt: Heute blühen die Apfelbäume in Bayern 10 Tage früher als noch vor 70 Jahren.

26 Tage, 10 Tage – Der Frühling verschiebt sich also nicht überall gleich. Ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich sich die Erderwärmung lokal auswirken kann. Verallgemeinerungen sind kaum möglich, was es für den Einzelnen nicht gerade einfacher macht, das Ganze zu verstehen und nachzuvollziehen.

Ja, das Verstehen, das ist in der Tat so eine Sache. Schon manches Mal wurde ich gefragt, was denn an einem früheren Frühlingsbeginn so schlimm sei. Sei doch toll, wenn es früher warm wird und endlich das T-Shirt-Wetter beginnt. Wenn man es nur so oberflächlich betrachten könnte…

Der Märzenbecher ist ein Feuchtezeiger. Natürlicherweise wächst er unter anderem in Schlucht- und Auenwäldern.

Die Aufzeichnungen der Phänologie zeigen vor allem, dass der Klimawandel kein Phänomen der Zukunft ist. Vielmehr finden die Veränderungen bereits seit einer ganzen Weile statt, wir sind also mitten drin. Auch, wenn es noch nicht jeder wahrhaben will, die Daten zeigen noch etwas: Der Klimawandel wartet nicht darauf, bis wir vielleicht irgendwann mal so weit sind, die notwendigen Veränderungen in unserer ressourcenverschlingenden, verschwenderischen und zerstörerischen Lebensweise einführen.

Wir erleben gerade „eine Horrorgeschichte in Zeitlupe“, so drückt es die Klimawissenschaftlerin Kate Marvel auf ihrem Blog aus. Oder wie es ein deutscher Klimawissenschaftler in einem vertraulichen Gespräch ausdrückte:
„Wir stehen mit einem Bein in der Apokalypse.“

Es ist also Zeit zu handeln, wenn wir nicht mit dem zweiten Bein auch dort landen wollen.
Und zwar heute und in allen Bereichen unseres Lebens.
Nicht erst morgen und „eins nach dem anderen“, wie manche Politiker es fordern (Zitat: „erst Kohleausstieg, und nach 2038 können wir über die anderen Sektoren reden“).

Der Klimawandel ist schneller als wir sein wollen. Vielleicht ist es genau das, was uns die kleinen Krokusblüten, die dieses Jahr so früh dran sind, erzählen…

Honigbiene beim Pollensammeln auf einer Krokusblüte. Ein Foto von Ende März 2018.

 


Wer schon mal anfangen will:
Stichwort Transition Town – Nach dem Motto „Einfach. Jetzt. Machen.“ fangen die Menschen hier einfach schon mal an, ihr Leben und ihr Umfeld zu verändern. Es gibt schon viele Ideen, sie müssen nur noch umgesetzt werden.
Sei dabei! Mach mit! 🙂 Auch, weil es sehr viel mehr Spaß macht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu verändern, statt darauf zu warten, dass endlich was passiert…

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10 Kommentare

  1. Hier sind Schneeglöckchen und Wildkrokusse immer die ersten, immer Mitte/Ende Februar. Denen macht es auch nichts aus, wenn es noch einmal schneit. Danach kommen Kreten, dann Schlehe dann Weißdorn. Die meisten Blühpflanzen richten sich nach der Tageslichtdauer.
    Geologisch befinden wir uns in einer Zwischeneiszeit. Das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher war seinerzeit viel dramatischer. So lief die Ostsee voll über den großen und den kleinen Belt, das Mittelmeer über die Landenge von Gibraltar und das schwarze Meer über den Bosporus. Die Landverbindung von Sri Lanka und Indien wurde überflutet und viele andere auch. Der reale Hintergrund der biblischen Sintflut.

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    • Vielleicht war das Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher dramatischer, schon allein, weil die Eismenge ungleich größer war. Aber es gibt doch einen wesentlichen Unterschied: Damals bevölkerten noch nicht mehr als 7,5 Milliarden Menschen die Erde. Steigt der Meeresspiegel weiter wie prognostiziert (und bisher wurde leider jede Prognose von der Realität weit übertroffen), werden bis Ende diesen Jahrhunderts etwa ein Drittel dieser Menschen heimatlos. Der Zuwachs der Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts ist hier noch gar nicht mit gerechnet…
      Der reale Hintergrund zur zukünftigen Sintflut 🙂

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      • Ja, die Ursache allen Übels ist die unkontrollierte Vermehrung der Menschheit. Und deren Siedlungsverhalten. Viele Katastrophen wären überhaupt keine, wenn sich Menschen nicht ausgerechnet dort ansiedeln würden, wo früher oder später mit so etwas zu rechnen ist. Beispiel Pompeji und Herkulaneum. Damals gab es ca. 5.000 Todesopfer, heute wären bei einer Eruption ca. 967.00 Menschen allein in Neapel betroffen. Bei einem Ausbruch der phlegräischen Felder noch mehr. Außerdem drohte in diesem Fall eine kleine Eiszeit. Davon hätten wir dann weltweit etwas davon und alle Klimaberechnungen wären obsolet.

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      • Die Ursache des aktuellen Übels, wenn man es so nennen will, ist unser verschwenderischer Umgang mit Ressourcen sowie unsere Ignoranz und Unachtsamkeit der Umwelt gegenüber, was beides zu massiver Zerstörung führt. Vulkanausbrüche können wir nicht beeinflussen, unser aktuelles Verhalten auf dieser Welt sehr wohl :-).

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      • Leben in gefährlichen Gebieten wie neben einem aktiven Vulkan und leben in Gebieten, die durch den Klimawandel bedroht sind bzw. unbewohnbar werden, sind zwei komplett verschiedene Paar Stiefel. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. 🙂

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      • Nicht unbedingt. „Wer nicht deichen will, muss weichen“ sagte schon Hauke Haien. So sind fast die Ganzen Niederlande und Teile von Schleswig Holstein dem Meer abgerungen und liegen faktisch jetzt schon unter dem Meeresspiegel. Nie wohnten so viele Menschen in unmittelbarer Küstennähe wie jetzt. Bei der Burchardiflut kamen ca. 8.000- 15000 Menschen ums Leben. Heute wären es ungleich mehr. Sturmflut oder Tsunami kann immer mal auftreten, auch ohne Klimawandel. In Costa-Rica sind sie schlauer. Da wohnt niemand unmittelbar am Meer.

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      • Gerne kannst du weitere Sturmflut-, Tsunami- und Vulkanausbruchereignisse aus der Vergangenheit aufzählen, bei der tausende von Menschen gestorben sind. Solche Ereignisse wird es immer geben. Das ändert aber nichts daran, dass einzelne Katastrophen und die Folgen des Klimawandels zwei Paar Stiefel bleiben 🙂 Birnen mit Äpfeln zu vergleichen führt nicht weiter.
        Menschen leben heute an Küsten und auf Inseln, wo sie hunderte von Jahre lang gut leben konnten, einzelne Tsunamis und Sturmfluten zum Trotz. Aber diese Lebensräume verändern sich gerade massiv und rasant, auch ohne Tsunami und Sturmflut. Man kann zuschauen. Schau dir die Ereignis- und Faktenlage der Gegenwart an, dann hast du aktuelle Beispiele für gegenwärtige Katastrophen 🙂

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      • Ich meinte ja nur, dass gegenwärtige Katastrophen, z.B. in dem Ausmaß der drei großen Manndränken, bei denen mal eben ein großer Teil des heutigen Schleswig Holsteins abgesoffen sind, heute viel mehr Menschen betreffen würden, eben weil es viel mehr Menschen gibt, die im Küstenbereich siedeln.

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